Wir gedenken an die vielen Opfer der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze. Wir erinnern an das Leid, das sie über viele Menschen in Deutschland gebracht hat. Wir erinnern an alle, die sich mit der Mauer nicht abfinden wollten und gegen das SED-Regime Widerstand leisteten.
Der Bau der Mauer am 13. August 1961 in Berlin wurde zum Sinnbild einer menschenverachtenden Politik, die vor keinem menschlichen Leid Halt machte. Das Regime der DDR stilisierte die Grenze zum "Antifaschistischen Schutzwall". In Wirklichkeit sollten die brutalen Sperranlagen nicht das Eindringen des Feindes verhindern, sondern die ungebremste Fluchtwelle der DDR-Bürger stoppen.
Unvergessen sind die klaren Worte des Protests und der Anklage, mit denen Willy Brandt, der damalige Regierende Bürgermeister, den Berlinerinnen und Berlinern aus dem Herzen sprach. Er war in dieser schweren Stunde bei ihnen und stand mit den Demonstranten an der abgeriegelten Sektorengrenze. Willy Brandt wusste, dass dieser Gewaltakt der Spaltung einer Stadt und eines Landes keinen Bestand haben würde. Seine Antwort war eine behutsame, besonnene Politik der "kleinen Schritte", die versuchte, Begegnungen der Menschen trotz Mauer und Stacheldraht möglich zu machen. Die erste Passierschein-Regelung von 1963 war der Anfang einer Serie von spürbaren Erleichterungen. Dies war die Geburtsstunde der sozialdemokratischen Ostpolitik, eine Entspannungspolitik, welche die DDR und die anderen Länder des Ostblocks in den Dialog mit dem freien Europa zwang und mit der die Grundlagen für den Weg zur Einheit Deutschlands gelegt wurden.
Heute ist die Mauer Geschichte, doch für viele Menschen sind die Erinnerungen an die schlimmen geistigen, politischen und alltagspraktischen Folgen des Mauerbaus noch lebendig. Umso notwendiger ist die Aufarbeitung auch um unser selbst willen. Opferverbände, freie Träger, öffentliche Institutionen, Kirchen, Stiftungen und einzelne Persönlichkeiten leisten hierbei mit ihrem Engagement verantwortliche, zumeist ehrenamtliche Arbeit, die politische Anerkennung verdient.
Wenn wir heute an den 45. Jahrestag des Mauerbaus gedenken, haben wir auch gute Gründe, an die Opposition in der DDR zu erinnern, die darauf hin gearbeitet hat, der Freiheit und der Demokratie den Weg zu bahnen. Dazu gehört an vorderer Stelle die mutige Wiedergründung der ostdeutschen Sozialdemokratie im Oktober 1989. Der Fall der Mauer war der Moment, in dem die Zivilcourage und die Macht des Bürgerwillens das Unrecht überwanden. Die Berlinerinnen und Berliner gewannen die Freiheit und die Einheit ihrer Stadt zurück. Das Gesicht Berlins, des vereinten Berlins, hat sich in den letzten 17 Jahren stark gewandelt. Die Stadt ist räumlich und baulich, kulturell und menschlich zusammen gewachsen. Ost und West haben miteinander einen neuen Anfang gemacht. Berlin ist heute die unbestrittene Hauptstadt des geeinten Deutschland. Die Spuren der Grenze sind weitestgehend aus dem Stadtbild verschwunden. Mahnmale der Erinnerung sind geblieben. Die Freude des Mauerfalls und der deutschen Einheit verpflichtet uns, die Mauer als das steingewordene Sinnbild der Gewaltpolitik niemals zu vergessen: Nie wieder dürfen wir in Deutschland die Spaltung erlauben, nie wieder eine Diktatur zulassen, niemals wieder Unfreiheit und Unterdrückung der elementaren Menschenrechte hinnehmen.
Der Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands