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Rede des Abg. Johannes Gerlach vom 25.01.07 zum Thema „Wirtschaftliche Folgen des Klimawandels für Sachsen“

Veröffentlicht am 26.01.2007 in Allgemein

Dresden. "1992 - damals warnte ich schon vor den Gefahren des Klimawandels - wurde ich von einem Bekannten gefragt, was denn Schlimmes daran sei, wenn es 2 oder 3 Grad wärmer würde – im Gegenteil, er brauche dann einen Pullover weniger. Die verständliche und typische Frage für viele Menschen bis heute, die es gewohnt sind, eindimensional und unvernetzt zu denken. Für die Lösung unsere täglichen Alltagsprobleme reicht dieses Denken ja auch meistens aus: Wie organisiere ich meinen Lebensunterhalt wie Essen, Trinken, Tätigsein und Entspannen. Dieses eindimensionale und unvernetzte Denken reicht schon nicht mehr aus, wenn man politische Entscheidungen treffen will: Ein winziges Drehen an einer politischen Stellschraube kann zwar den erhofften Effekt bringen, ist aber in der Lage, dann oft unerwünschte Nebeneffekte zu erzeugen, die die wenigsten erwartet haben. Das ist auch einer der Gründe, weshalb politische Entscheidungen heute oft so schwer erklärbar sind."

"Gehen wir in den Bereich der Ökologie, wird es noch vernetzter. Eines der ersten Beispiele, was man mir während meines Ökologiestudiums nahe brachte, war das von dem See, dessen Algenbewuchs sich jeden Tag verdoppelt. Der See ist riesengroß und die Algenblüte beginnt in einer kleinen Bucht: Am ersten Tag ist ein Quadratmeter befallen, am zweiten Tag sind es zwei, am dritten Tag vier, dann acht und so weiter. Selbst wenn der See erst zu einem Viertel mit Algen befallen ist, wird das von vielen noch nicht als Bedrohung wahrgenommen, obwohl es nur noch 2 Tage dauert, bis er komplett zu ist! Um im Bild zu bleiben: Klimamäßig befinden wir uns irgendwo in dieser Bucht und sehen den zunehmenden Algenbewuchs – der Sturm von letzter Woche im frühlingshaften Januar war ja nur eines von vielen Zeichen!

Und nur wenige haben die gedankliche Kraft sich vorzustellen, dass sich in relativ kurzer Zeit unser Wettersystem komplett umstellen kann. Ein System, was sich über zigtausende Jahre auf die heutigen immer wiederkehrenden Formen eingepegelt hat und dann auch noch dem viel längeren Rhythmus der Warm- und Eiszeiten unterliegt.

Noch schwieriger wird es, weil zum normalen Wettergeschehen auch Fluktuationen, also nicht genau vorhersagbaren Extreme gehören. Damit trösten sich viele Verantwortliche, die natürlich auch die heutigen Zeichen sehen. Es hat schon immer Ausrutscher gegeben und es gab auch schon Januare, wo die Blumen geblüht haben. Und es gab schon immer mal ganz starke Stürme mit großen Schäden. Das ist alles richtig! Aber genau hier beginnt die Trennung der Denkarten und mit ihr die Art der politischen Reaktion oder Verdrängung: Noch ist es eine Mehrzahl der politisch Verantwortlichen – auch hier in Sachsen! – die sich damit tröstet, dass es Wetterextreme schon immer gegeben hat. Und man vertraut, oder besser hofft darauf, dass sich schon alles wieder einpegeln werde.

Und dann gibt es solche wie den ehemaligen US-amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore, der statistische Langzeitbeobachtungen an sich heran lässt und in seine Überlegungen mit einbezieht. Und diese Politiker kommen natürlich zu ganz anderen Ergebnissen. Und diese sind nicht endzeitlich ganz schlimm – das würde im Fatalismus enden. Aber sie sind dramatisch und erfordern baldiges Handeln.

Einer, der sich ökonomische Gedanken darüber gemacht hat, ist der ehemalige Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern. Auf vielen hundert Seiten rechnet er der britischen Regierung vor, was es kostete, wenn wir einfach mal Nichts tun, was wir ja bis auf winzige Ausnahmen heute so machen. Sein wichtigstes Ergebnis - ich wiederhole es -: Die Kosten und Risiken des Klimawandels, wenn nichts dagegen unternommen wird, kämen einer Einbuße von mindestens 5 – 20 % des globalen BIP jährlich gleich, in Abhängigkeit von den angesetzten Parametern Dagegen brauchten wir für die Reduzierung der Treibhausgasemissionen zur Abwendung der schlimmsten Folgen des Klimawandels jährlich „nur“ (!!) ca. 1% des globalen BIP.

Liebe Kolleginnen und Kollegen von den Grünen: Was haben wir davon, wenn wir eine Menge Geld dafür ausgeben um zu wissen, wie viele Milliarden davon auf Sachsen entfallen würden. Brächte uns das einen politischen Erkenntniszugewinn? Ich sage: NEIN! Alles, was wir heute wissen müssen, wissen wir schon, wenn ideologische Überheblichkeit, Ahnungslosigkeit oder Ignoranz nicht unsere Augen und Ohren verschließen. Dieses Geld wollen wir lieber in gezielte Klimaschutzprogramme investieren!

Was wir brauchen ist endlich die Aufhebung der Selbstblockade dieser Regierung, die – jedenfalls nicht aus fachlichen Gründen – das bereits seit einem halben Jahr fertige neue Energieprogramm aus dem Wirtschaftsministerium blockiert! Das wäre ein wirklicher Schritt nach vorn. Anschließend lasst uns nach guter sachlicher Diskussion die politischen Schritte hin zu einer neuen Energiewirtschaft in Sachsen gehen. Das hilft dem Klima und damit uns allen."

 
 

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